Soll die Wissenschaft zur Verteidigung beitragen, den Frieden fördern oder geht auch beides?
Wie kann das Wissenschaftssystem den Balanceakt zwischen offener Forschung und Sicherheitsfragen meistern? In einer von geopolitischen Herausforderungen geprägten Welt ist diese Frage von zunehmender Dringlichkeit. Und es gibt keine einfachen Antworten, wie die Tagung zu «Wissenschaft in einer fragmentierten Welt» am 29. Mai 2026 der SCNAT zeigte.

Astrid Tomczak-Plewka
«Offene Wissenschaft und Sicherheit – dieses Spannungsfeld war schon immer ein Thema. Aber heute sind Intensität und Dimension einzigartig.» Mit diesen Worten eröffnete Jean-Marc Piveteau, Präsident der SCNAT, die Jahrestagung vor einem gut gefüllten Saal in Bern. Offene Wissenschaft bleibe zentral für Qualitätssicherung und das Vertrauen der Öffentlichkeit. Wie aber verhindert man die missbräuchliche Nutzung von Forschungsergebnissen? Diese Frage zog sich wie ein roter Faden durch die Tagung.
Autokraten stellen sich gegen die Wissenschaft
Stefanie Walter, Professorin für Internationale Beziehungen an der Universität Zürich, identifizierte mehrere kritische Entwicklungen. So würden Autokraten und Populisten die Wissenschaft gezielt und als Teil einer Elite bekämpfen, die gegen das Volk gerichtet sei: «Diese Politiker demonstrieren damit Macht.» Die akademische Freiheit sei seit 2014 kontinuierlich gesunken. Und: «Vertrauen in die Wissenschaft wird ein parteipolitisches Thema – das ist neu». Die Autokratisierung führe zudem zu neuen Trade-offs für Forschungskooperationen. Walter schlug aber nicht nur pessimistische Töne an: Die Schweiz sei ein attraktiver Forschungsstandort – gerade weil es anderswo schwieriger werde.
Wenn die Forschung zur Sicherheitsfrage wird
Dass die Dual-Use-Problematik längst in den Forschungsalltag eingezogen ist, zeigte Stefan Leutenegger, Professor für Mobile Robotik an der ETH Zürich. Er bremste zunächst überzogene Erwartungen an KI-gestützte Roboter: «Generalistenroboter bleiben noch etwas Phantasie.» Physische Handlungsfähigkeit, roboterspezifische Sensorik und Rechenbedarf blieben ungelöste Probleme. Sein Labor arbeitet etwa an autonomer Drohnenkartierung für die Forstwirtschaft – dabei ist die Dual-Use-Problematik omnipräsent: «Klar können solche Entwicklungen militärisch eingesetzt werden», sagte er. Die ETH arbeitet mit dem Bundesamt für Rüstung (armasuisse), etwa bei Drohnennavigation und -abwehr. Dabei betonte Leutenegger ein Prinzip: Universitäten forschen bis zum Prototyp, Produkte sind Sache von Startups – und während Landesverteidigung akzeptabel sei, komme offensiv ausgerichtete Forschung nicht infrage.
Quantentechnologie bringt ganz neue Dimensionen
Klaus Ensslin, Präsident der Schweizerischen Quantenkommission der SCNAT, wurde von Moderatorin Karin Frei mit den Worten angekündigt: «Mein nächster Gast hat gesagt, es sei ihm nicht so wohl bei diesem Thema. Und ich verstehe ihn.» Ensslins Grundaussage: «Quantum is special.» Das Thema habe sich weit in Gesellschaft und Politik entwickelt, mit Konsequenzen, die man teilweise absehe, teilweise nicht. Die Anwendungsfelder sind breit: von abhörsicherer Kommunikation über hochpräzise Sensoren in Medizin und Navigation bis hin zu Quantencomputern, die etwa in der Medikamentenentwicklung oder Klimamodellierung neue Möglichkeiten eröffnen könnten. Die Schweiz sei in diesen Bereichen führend, aber zu zögerlich bei Investitionen: «Wir mögen es ungern, wenn der Staat investiert. Aber hier muss es sein.» Er zitierte Aussenminister Cassis – «Wer die Technologie kontrolliert, hat gewonnen» – und fügte hinzu: «Das unterschätzen wir heute.» Die wohl erste Quantenfirma überhaupt wurde in der Schweiz gegründet und ist nun in US-Händen.
Friedensprojekt ade?
Die anschliessende Podiumsdiskussion brachte eine Perspektive von ausserhalb der Forschungsgemeinschaft. Thomas Rothacher, stellvertretender Rüstungschef von armasuisse, nahm kein Blatt vor den Mund: Die Schweiz lebe in einer «Heidi-Bubble», die USA bezeichneten sie als «Donut» – die Schweiz sei das Loch. Der deutsche Rüstungschef habe ihm gesagt, er könne wegen Exporteinschränkungen nichts mehr in der Schweiz kaufen und wolle auch nicht mehr in die Schweiz verkaufen. «Wenn wir nur mit dem Geld winken, bringt das nichts mehr.» Dagegen werde Technologie für das Militär immer wichtiger und da kann die Schweiz noch etwas anbieten. Der Wille zur Zusammenarbeit sei gewachsen.
Die Dual-Use-Debatte auf dem Podium glich zuweilen einem argumentativen Eiertanz. Drohnen-Forscher Leutenegger: «Bei armasuisse geht es um Landesverteidigung – da habe ich kein Problem. Etwas spezifisch auf Angriff Ausgerichtetes machen wir nicht.» Ensslin sah bei Quantentechnologien eine besondere Schwierigkeit: «Bei anderen Technologien kann man definieren, was Angriff und Verteidigung ist – bei Quantum nicht. Das macht mir Bauchweh.» Aus dem Publikum kam die Frage, ob man in dieser Diskussion nicht das Friedensprojekt aufgebe, für das die Forschungsgemeinschaft beispielsweise mit dem CERN mal eingestanden sei. Walter antwortete mit einer politikwissenschaftlichen Einordnung: Frieden basiere auf Kompromissbereitschaft – sinke diese, weil sich Staaten sicher fühlten und nicht mehr kooperieren wollten, lande man in einem kriegerischen Gleichgewicht. «Nur darauf vertrauen, dass alle anderen nett zu uns sind, ist schwierig.» Leutenegger ergänzte: «Es war nicht unsere Entscheidung, das Friedensprojekt aufzugeben. Aber Verteidigungsfähigkeit ist das Einzige, was wir noch unter Kontrolle haben, um es voranzutreiben.»
Kontrovers wurde auch die Frage der Zusammenarbeit mit China diskutiert. Ensslin, der erzählte, dass die ETH vom EDA auf seine Teilnahme an einer Konferenz in China angesprochen wurde, votierte klar für offenen Austausch: «Über Schrödinger kann man auch mit verschiedenen politischen Ansichten sprechen.» Rothacher hingegen gab zu bedenken: Chinesische Studierende kämen nicht ohne strategisches Kalkül in die Schweiz – sie seien verpflichtet, ihre Ergebnisse dem Staat zur Verfügung zu stellen. «Es braucht also ein gewisses Regelwerk.»
Dass sich die Forschung trotz veränderter geopolitischer Rahmenbedingungen nicht einschüchtern lassen dürfe, betonte eine Zuhörerin: «Wir müssen für Kooperation und Werte einstehen – auch wenn Papers abgelehnt werden, weil Ko-Autoren aus Israel oder Russland stammen. Wir müssen uns dagegen wehren.»
Klar war nach diesen gut zwei Stunden: Das Thema dürfte auch weiterhin für Diskussionsstoff sorgen. Piveteau schloss den Anlass denn auch mit einem Appell: «Wir müssen Meinungsverschiedenheiten zulassen und das Spannungsfeld zwischen Forschungsfreiheit und Sicherheit aktiv gestalten.»









