Genau jetzt ist die Zeit, ein Wirtschaftswunder einzuläuten

Nach der Corona-Krise: Wir sollten nicht einfach die gleiche Wirtschaft wiederbeleben. Nutzen wir die vom Bund zugesicherten Finanzhilfen, um die Weichen für eine lebenswertere Zukunft zu stellen.

Brennpunkt-Klima-Schweiz

Die Corona-Krise hat die Welt erschüttert, aber sie bietet auch eine einzigartige Gelegenheit: Die Pandemie ist eine enorme Belastung für die Gesellschaft und kostet weiterhin viele Menschenleben, während sie die globale Wirtschaftstätigkeit stark beeinträchtigt. Fast alle Länder haben strenge Beschränkungen zur Bekämpfung des Ausbruchs verhängt; einige sehen positive Anzeichen, während andere sich auf den traurigen Höhepunkt vorbereiten. Positiv zu vermerken ist, dass die Ausbreitung des Coronavirus die Einstellung und Denkweise der Menschen verändert hat, dass die Welt ein Wiederaufleben des Gemeinschaftsgeistes, der Solidarität und ein gemeinsames Überdenken der gesellschaftlichen Systeme sowie der wirtschaftlichen Bedürfnisse erlebt hat.

Die Schweiz wird von vielen als ein Modell für finanzielle, wirtschaftliche, ökologische und soziale Stabilität angesehen. Die Krise hat jedoch unsere Institutionen, insbesondere die Landesregierung, auf eine harte Probe gestellt: Indem sie das notwendige Geschick beweisen musste, die richtige Balance zwischen der Rettung von Menschenleben und der Bewahrung des wirtschaftlichen Wohlstands zu finden. Gleich zu Beginn der Epidemie hat die Schweizer Landesregierung zu Recht den Weg gewählt, so viele Menschenleben wie möglich zu retten und gleichzeitig die Wirtschaft nach dem Höhepunkt der Epidemie wiederzubeleben. Unser Kampf wird daher aus zwei Phasen bestehen: erstens die langfristige Auslöschung der Pandemie und zweitens die Wiederbelebung der Schweizer Wirtschaft. Für die letztere Herausforderung ist eine massive finanzielle Unterstützung erforderlich, da dies der bei weitem grösste wirtschaftliche Schock in der modernen Geschichte wird. Dank ihrer Finanzkraft ist die Schweiz in der einzigartigen Lage, diese Herausforderung zu meistern und gleichzeitig eine neue Ära einzuläuten.

Die massive Unterstützung mit öffentlichen Geldern bietet unserer Regierung eine einzigartige Gelegenheit, die Wirtschaft auf die anderen grossen Bedrohungen, den Klimawandel und die ökologische Nachhaltigkeit, vorzubereiten. Beide Bedrohungen, die wohl ebenso gewaltig sind wie die gegenwärtige Corona-Krise, werden seit Jahrzehnten von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen kommuniziert, aber diese Diskurse haben nur unzureichende Massnahmen ausgelöst. Die Wirtschaft auf eine solch monumentale Aufgabe vorzubereiten, erfordert bedeutende Übergänge, die schwer umzusetzen sind. Es gibt keinen besseren Zeitpunkt für Verbesserungen, als während eines Wiederaufbaus.

Wir müssen jetzt unseren Worten Taten folgen lassen: Es ist jetzt an der Zeit, die Weichen zu stellen, um die Wirtschaftstätigkeit auf einen nachhaltigen Pfad zu führen. Der Bund greift sowohl auf der Nachfrage- als auch auf der Angebotsseite des Marktes ein, was ihr einen doppelten Hebel in die Hand gibt, um ganze Wirtschaftssektoren auf eine Netto-Null-Emission-Welt auszurichten. Sie sollte die Nachfrage nach kohlenstoffarmen Optionen ankurbeln und gleichzeitig das Angebot solcher Optionen unterstützen. Ein einfaches Beispiel ist die Einkommensunterstützung durch Gutscheine für lokale landwirtschaftliche Produkte in Kombination mit der Unterstützung lokaler Bäuerinnen und Bauern bei der Steigerung ihrer Produktion und der Verbesserung ihrer Vertriebskanäle.

Wie kann dies in anderen Bereichen erreicht werden? Hier einige Beispiele: Die Rettungsaktionen der Fluggesellschaften sollten an die verstärkte Nutzung alternativer Treibstoffe geknüpft werden und ältere, ineffiziente Flugzeuge ausser Betrieb genommen werden. So sollte die Flottengrösse und die Emissionen verringern werden. Währenddessen sollten Reisende Anreize für Ferien nahe der Heimat und Fernreisen mit der Bahn erhalten. Die bestehenden Anreize für sauberere Lastkraftwagen und die Verlagerung von Fracht auf Züge sollten verstärkt werden. Breitere Fahrradspuren in den Städten würden einerseits das Radfahren sicherer machen, andererseitsdas Infektionsrisiko im Öffentlichen Verkehr [MOU1] senken und Menschen vom Auto fernhalten. Der gesamte Gebäudebestand sollte im nächsten Jahrzehnt klimaneutral werden, und zwar durch den Einsatz der besten, derzeit verfügbaren Massnahmen. Diese sollen durch Anreize unterstützt werden, die die Eigentümer praktisch nicht ablehnen können. Finanzhilfen sollten in kurze, nachhaltige und krisenresistente Versorgungsketten geleitet werden, und Arbeitnehmende aus den dem Untergang geweihten klimaintensiven Produktionssektoren umgeschult werden. Vorrangige Sektoren sind die Produktion strategischer Güter wie Pharmazeutika, Medizintechnik, Lebensmittel oder Hygieneartikel, die in die Schweiz zurückverlagert werden sollten, um sowohl wirtschaftliche Suffizienz als auch neue Arbeitsplätze zu schaffen. Am wichtigsten ist, dass das Konzept der Kreislaufwirtschaft gestärkt wird; die Wiederverwendung und Reparatur von Gütern wird unsere Abhängigkeit von Ressourcenimporten minimieren. Wiederaufbaufonds sind ein hervorragendes Instrument, um eine solche Wirtschaft aus den Kinderschuhen zu heben.

Die Finanzhilfen können die Schweiz zwar fest an der Spitze des nachhaltigen Wiederaufbaus positionieren, sie sollten sie allerdings nicht zu einer egozentrischen Festung machen. Genauso wie der wirtschaftliche Wandel sozial integrativ sein muss, müssen wir Solidarität mit den Menschen in der Welt üben, die sich in einer weniger privilegierten Situation befinden und die die Auswirkungen des Klimawandels und der Umweltzerstörung besonders ausgesetzt sind, obwohl sie weniger Verantwortung tragen.

Kurz gesagt: Gelder zur wirtschaftlichen Erholung müssen für den Aufbau einer klimaneutralen, nachhaltigen Wirtschaft verwendet werden, die den Menschen dient und gleichzeitig das Ökosystem bewahrt. Die sich bietende Chance kann und darf nicht vertan werden – wir können ein Grünes Wirtschaftswunder einleiten.

Autoren:

Prof. Dr. Philippe Thalmann ist Professor für Umweltökonomie an der ETH Lausanne und Präsident von ProClim.

Dr. Oliver Inderwildi ist Leiter von ProClim und Gastwissenschaftler am Singapurer Zentrum der Universität Cambridge.

Dr. Urs Neu ist Stv. Leiter von ProClim und Leiter der Erweiterten Energiekommission der Akademien der Wissenschaften Schweiz.

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