«Ein aussergewöhnliches Spektrum an Kompetenzen in der Schweiz»
Jean-Marc Piveteau ist seit Juli 2025 Präsident der SCNAT. Der Mathematiker und ehemalige Rektor der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften schildert im Gespräch die Herausforderungen für die SCNAT, die Wissenschaft und die Gesellschaft und mögliche Lösungsansätze.
Was hat Sie am meisten überrascht, als Sie das Präsidium der SCNAT übernommen haben?
Obwohl ich bereits in meinen früheren Funktionen Kontakt zu den Akademien hatte, war mir das Ausmass der Tätigkeit der SCNAT nicht immer voll bewusst. Und doch ist es beeindruckend! Mit rund 400 Expertinnen und Experten, die in fast 150 Komitees tätig sind, und dem Engagement von rund 30’000 Personen in den Mitgliedsgesellschaften vereint die SCNAT ein in der Schweiz einzigartiges Kompetenzspektrum. Ihre Organisation ermöglicht es den wissenschaftlichen Gemeinschaften, über Institutionen und Disziplinen hinweg zu interagieren, während die kantonalen Gesellschaften eine wichtige Rolle im Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft spielen. Die Übernahme des Präsidiums einer solchen Institution ist eine grosse Verantwortung, die ich mit Begeisterung übernehme.
Was sind Ihre unmittelbaren Prioritäten?
Unter den zahlreichen Prioritäten steht die Vorbereitung der BFI-Periode 2029–2032 im Mittelpunkt. Dieser Prozess wird unsere künftige Finanzierung weitgehend bestimmen, bietet aber auch die Gelegenheit, über den Inhalt unserer Aktivitäten nachzudenken und darüber, wie wir unsere Flexibilität stärken können, um den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft gerecht zu werden.
Bringen Sie besondere Erfahrungen in diese Funktion ein?
Über die Erfahrungen hinaus, die ich als Rektor oder in verschiedenen wissenschaftlichen Gremien gesammelt habe, sind meine Hauptmotivation die Leidenschaft für die Wissenschaft und der Wunsch, die Naturwissenschaften in der Gesellschaft zu fördern. Meine Aufgabe besteht vor allem darin, dazu beizutragen, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es Wissenschaftler:innen ermöglichen, ihr Fachwissen zu teilen: zwischen den Disziplinen, aber auch mit der Gesellschaft und den politischen Entscheidungsträger:innen. Diese Verantwortung ist vergleichbar mit der, die ich zuvor in der Hochschulverwaltung übernommen habe.
Wie sieht Ihre Vision für die Entwicklung der SCNAT aus?
Die Strategie 2022–2028 ist nach wie vor aktuell. Zwei Aspekte erscheinen mir besonders wichtig. Erstens die Haltung: Die SCNAT muss nicht nur «fit for purpose» sein, also ihrer Rolle gerecht werden, sondern auch «fit for future», also in der Lage sein, Veränderungen zu antizipieren und sich darauf einzustellen. Zweitens unsere Mission, die darin besteht, Entscheidungsträger:innen eine solide wissenschaftliche Grundlage für die Bewältigung wichtiger gesellschaftlicher Herausforderungen wie Biodiversität oder Klima zu liefern. Dies setzt einen Dialog mit Politik und Gesellschaft sowie Stellungnahmen voraus, die auf anerkanntem und interdisziplinärem wissenschaftlichem Fachwissen basieren.
Können Sie die Herausforderungen nennen, die Ihre Strategie beeinflussen?
Die erste betrifft das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Das Vertrauen in die Wissenschaft ist in der Schweiz nach wie vor hoch, aber ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung äußert Zweifel. Um dieses Vertrauensverhältnis zu stärken, müssen Kritik ernst genommen und der Dialog gefördert werden. Die zweite Herausforderung betrifft die Rahmenbedingungen für die Forschung. Die Aufrechterhaltung eines konstruktiven Dialogs mit den politischen Entscheidungsträger:innen ist unerlässlich, um ein wissenschaftsfreundliches Umfeld zu gewährleisten.
Welchen Stellenwert haben Interdisziplinarität und Internationalität?
Sie sind unverzichtbar. Die SCNAT kann wissenschaftliche Gesellschaften bei ihrer internationalen Verankerung unterstützen und gemeinsam mit anderen Institutionen im BFI-Bereich dazu beitragen, die Interessen der Schweizer Forschung zu vertreten. Interdisziplinarität kommt insbesondere in der Ausarbeitung wissenschaftlicher Berichte oder Stellungnahmen zum Ausdruck, die mehrere Kompetenzbereiche mobilisieren.
Welche Projekte oder Partnerschaften möchten Sie fördern?
Ich möchte Initiativen unterstützen, die es der SCNAT ermöglichen, ihre Arbeitsweise und ihre Wirkung zu verbessern. Zwei aktuelle Beispiele erscheinen mir besonders vielversprechend: die Überlegungen der Plattform Wissenschaft und Politik zu ihren Leistungen und eine Initiative zur partizipativen Wissenschaft, die von der Plattform Naturwissenschaften und Regionen getragen wird. Darüber hinaus besteht ein grosses Potenzial für eine verstärkte Zusammenarbeit mit den anderen Mitgliedsinstitutionen der Akademien der Wissenschaften Schweiz.
Wie kann die SCNAT zu Entwicklungen in der wissenschaftlichen Praxis beitragen: Open Science, Nachhaltigkeit, Ethik?
Diese Veränderungen sind vergleichbar mit einer Plattentektonik: Sie sind tiefgreifend, aber schrittweise. Die SCNAT kann eine Vermittlerrolle übernehmen, indem sie Forscherinnen und Forscher unterstützt, innovative Praktiken fördert und den Erfahrungsaustausch zwischen den Disziplinen begünstigt.
Wie kann die Sichtbarkeit und die wissenschaftliche Kommunikation gestärkt werden?
Die SCNAT verfügt bereits über eine solide Kommunikation, aber zwei Ansätze können weiterentwickelt werden: Themen, die öffentliches oder politisches Interesse wecken, besser antizipieren und sich stärker auf regionale und kantonale Gesellschaften stützen, um die Verbreitung wissenschaftlicher Botschaften zu verstärken.
Haben Sie Prioritäten für die interne Arbeitsweise festgelegt?
Eine Organisation, die agil bleiben will, muss sich ständig hinterfragen. Das bedeutet, dass Aktivitäten regelmäßig priorisiert und neu bewertet werden müssen, um die verfügbaren Ressourcen bestmöglich zu nutzen.
Welche Botschaft möchten Sie an die SCNAT-Gemeinschaft richten?
Die ersten Monate waren besonders spannend. Ich war beeindruckt vom Engagement und der Begeisterung der Mitarbeitenden sowie der vielen Menschen, die sich für die Aktivitäten der SCNAT einsetzen. Ich bin sehr dankbar für den Empfang, den ich erfahren habe, und bin überzeugt, dass wir gemeinsam die bevorstehenden Herausforderungen meistern werden.
Ein persönliches Wort?
Als ich in den Ruhestand ging, schenkte man mir ein Stereomikroskop. Mein Enkel, der bald vier Jahre alt wird, fragte mich kürzlich, wozu es dient. Ich habe ihm versprochen, dass wir es nach der Rückkehr der schönen Jahreszeit gemeinsam nutzen werden, um die Lebewesen im Garten zu beobachten. Ich möchte ihm meine Leidenschaft für die wissenschaftliche Beobachtung vermitteln. Das ist ein schönes Projekt für das kommende Jahr.
Rina Wiedmer
Contact
Prof. Dr. Jean-Marc Piveteau
SCNAT
Vorstand
House of Academies
PO Box
3001 Bern
Switzerland


