«Die Schweiz ist eine Weltraumnation»

Diese Woche erscheint der neue COSPAR-Bericht, der eine Übersicht über die Schweizer Aktivitäten rund um das Thema Weltraum gibt. Renato Krpoun, Leiter der Abteilung Raumfahrt (auch Swiss Space Office genannt) des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI, nimmt dazu Stellung und betont dabei die Bedeutung der Zusammenarbeit von Wissenschaft und Industrie.

Renato Krpoun ist Leiter der Abteilung Raumfahrt des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI
Image: Beatrice Devènes

Herr Krpoun, denkt man an die Schweiz, kommen einem als erstes vielleicht die Berge in den Sinn. Dann Käse, Schokolade und Uhren. Mit Weltraum hat das alles recht wenig zu tun. Trotzdem gibt es ein Swiss Space Office. Wie passt das zusammen?

Renato Krpoun: Eigentlich passt das alles auf die eine oder andere Art zur Raumfahrt. Wegen der Berge gibt es in der Schweiz keinen richtigen Horizont und wir sind quasi gezwungen ständig nach oben, zu den Sternen zu blicken. Bei Uhren sind wir beim Thema Präzision und Qualität und bei Käse und Schokolade gehören wir zu den weltweit besten. Das ist nicht zuletzt ein Ausdruck von Wettbewerb und Exzellenz – und schmeckt gut (lacht).

Diese Woche erscheint der neue COSPAR Bericht. Dieser gibt eine Übersicht über Schweizer Weltrauminstrumente und -forschung der letzten zwei Jahre. Der Bericht ist 100 Seiten lang und enthält knapp 60 Projekte. Sind Sie zufrieden? Sticht für Sie etwas heraus?

Ich bin sehr zufrieden. Die an den Projekten beteiligten Hochschulen und Firmen dürfen stolz auf ihre Beiträge sein. Es ist gewaltig zu sehen was in der Schweiz alles läuft und in wie vielen Bereichen der Weltraumforschung wir tätig sind. Aus meiner Sicht kann man kaum eine andere Mission herausheben als die CHEOPS (CHaracterizing ExOPlanetS). Es ist die erste ESA Mission unter der wissenschaftlichen Leitung der Schweiz. Das sticht klar heraus. Bemerkenswert ist auch, dass der Verantwortliche des wissenschaftlichen Komitees von CHEOPS, Didier Queloz, wenige Monate vor dem Start der Mission den Nobelpreis (gemeinsam mit Michel Mayor) genau für dieses Forschungsgebiet (Exoplaneten) erhielt. Das zeigt, dass die Schweiz in diesem Bereich zur Weltspitze gehört.

Sie sagen die Schweiz gehört in der Raumfahrt zur Weltspitze. Wie hat das dieses kleine Land ohne eigenes Raumfahrtprogramm geschafft?

Die Schweiz hat, nicht zuletzt dank ihres Wohlstandes, das 15.- bis 20.-grösste Weltraumbudget weltweit. Innerhalb der ESA das 7. grösste. Das ist das eine. Das andere ist, dass die Schweiz schon früh erkannte, dass Raumfahrt nur in Zusammenarbeit funktioniert. Daher hat sie sich seit jeher auf Nischen konzentriert. Einerseits in der Industrie, wie beispielsweise durch Nutzlastverkleidungen (die Raketen vor externen Einwirkungen schützen) der RUAG oder bei Atomuhren, die quasi Herzstück der Galileo-Satelliten sind. Andererseits in der Wissenschaft, wo, wie der COSPAR-Bericht zeigt, die Schweiz viele essenzielle Instrumente von Missionen anfertigt. Das sieht man etwa bei CHEOPS oder GAIA (bei der unter anderem variable Himmelskörper analysiert werden). Auch die 3D-Bilder des CASSIS-Instruments, das Teil ist der ExoMars-Mission, sind absolute Weltspitze. Das macht die Schweiz zu einer Weltraumnation.

Inwiefern trägt der NCCR PlanetS zum Erfolg der Schweizer Weltraumbemühungen bei?

Neben ihren Stärken hat die Schweiz eine Schwäche: ihre geringe Grösse, durch die es ihr an der „kritischen Masse“ fehlt. Gerade bei der Entwicklung von Instrumenten, die immer grösser und komplexer werden, zeigt sich das. Der NCCR PlanetS ist eine Möglichkeit da entgegenzuwirken. Statt dass einzelne Universitäten versuchen alleine an etwas zu arbeiten und es dabei zu Redundanzen kommt, können durch den NCCR Arbeiten basierend auf Kompetenzen aufgeteilt werden. Das Know-how wird gepoolt und Synergien entstehen. Der NCCR stärkt also die Zusammenarbeit innerhalb der Schweiz.

Der Weltraum ist ja sicher interessant. Doch was bringen diese Bemühungen letztlich dem Steuerzahler? Werden Arbeitsplätze geschaffen? Resultieren aus Forschung und Entwicklung auch Dinge, die für den Alltag gebräuchlich sind?

Tatsächlich werden zahlreiche Arbeitsplätze dadurch geschaffen – allein im Raum Lausanne, wo viele Unternehmen im Weltraumbereich tätig sind, in den letzten 5 Jahren über 200 Stellen. Es entstehen aber auch indirekt Arbeitsplätze durch Unternehmen, die diese Technologien nutzen, um neue Produkte auf den Markt zu bringen. Dabei ist der Bezug zur Raumfahrt nicht immer offensichtlich. Zu den Anwendungen, die der Bevölkerung dienen, gehören etwa Wettersatelliten – kaum jemand könnte sich heutzutage mehr eine Wettervorhersage ohne solche vorstellen. Auch Navigationssatelliten sind im Alltag sehr nützlich: sie ermöglichen beispielsweise der Rega 200-300 zusätzliche Rettungsflüge pro Jahr durchzuführen. Ein Teil der Kommunikation läuft ebenfalls über geostationäre Satelliten. Dieser Trend zum alltäglichen dürfte sich in Zukunft weiter verstärken.

Im Weltraum spielen immer mehr private Player mit. Etwa SpaceX. Wie beurteilen sie diese Entwicklung und was bedeutet sie für die Schweiz?

Grundsätzlich findet zurzeit etwas wie eine Renaissance der Raumfahrt statt, die eine neue Dynamik bringt. Wettbewerbsfähigkeit ist gefragter, auch in den staatlichen Raumfahrtprogrammen. „More bang for the buck“ lautet die Devise. Für die Schweiz heisst das, dass wir weiterhin innovativ sein müssen. Ich denke, wir sind da auf einem guten Weg, nicht zuletzt durch die vielen Start-up-Unternehmen im Bereich Weltraum.

Heisst das, dass diese Entwicklung hin zu mehr Privaten auch in der Schweiz stattfindet?

Genau. Insgesamt sind es heute mehr als 70 Schweizer Firmen, die eine ganze Palette von Produkten von Kleinstbauteilen bis zu ganzen Satellitensystemen bauen. Das European Space Policy Institute hat kürzlich eine Studie publiziert zu Venture Capital im Raumfahrtbereich, in der die Schweiz mit rund 40 Millionen Euro europaweit Rang 2 belegt. Das will schon etwas heissen. Doch wir müssen weiter daran arbeiten, um diese Stellung nicht zu verlieren.

Der Druck durch diese Entwicklung mehr aus den Investitionen herauszuholen ist ja durchaus erfreulich. Doch die Privaten zeigen auch: im Weltraum herrscht etwas Goldrausch-Stimmung. Beispielsweise das Vorhaben von SpaceX tausende Satelliten in Orbit zu schicken, stösst unter Wissenschaftlern nicht nur auf Wohlwollen. Braucht es im Weltraum mehr Regulierung? Wenn ja, wie kann sich die Schweiz dafür einsetzen?

Dieses Thema beschäftigt uns natürlich, aber es muss global angegangen werden. Die Schweiz kann nicht im Alleingang Beschlüsse treffen, nur schon aufgrund der UNO-Verträge, die besagen, dass der Weltraum über der Schweiz nicht uns gehört. Darum können wir auch nicht verbieten, dass SpaceX-Satelliten im Orbit über uns hinweg fliegen. Aber die Schweiz bemüht sich international um eine langfristig nachhaltige Nutzung des Weltraums. Einerseits über den UN-Ausschuss für die friedliche Nutzung des Weltraums und andererseits wiederum über die ESA. Letztere hat beispielsweise auch ein Schweizer Unternehmen (ClearSpace) damit beauftragt ein System für die Entfernung von Weltraumschrott zu entwickeln. Neben Regulierungen können also auch technologische Lösungen dazu beitragen. Es braucht aber ein Gleichgewicht aus nachhaltiger Nutzung und sozio-ökonomischer Wertschöpfung der Weltraumtätigkeit.

Möchten Sie noch etwas hinzufügen worüber wir noch nicht gesprochen haben?

Was mir am Herzen liegt ist, dass der Erfolg der Schweiz im Weltraum nicht nur auf dem Know-how der Universitäten basiert, sondern auch auf jenem der Unternehmen. Diese Symbiose darf nicht vergessen gehen und sollte weiter gepflegt werden. Das wird auch in Zukunft dazu beitragen die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wissenschaft zu garantieren.

Das Interview führte Arian Bastani (NCCR PlanetS).

Der COSPAR Bericht wurde vom Swiss Committee on Space Research (CSR) der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz publiziert.

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