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Ein kleines Land muss sich international vernetzen

Damit die Schweizer Wissenschaft Weltspitze bleibt und die guten Rahmenbedingungen erhalten werden können, gilt es, die enge Verbindung zwischen Wissenschaft und Politik anzuerkennen. Man muss die Risiken von Populismus klar benennen und sich für eine starke internationale Vernetzung einsetzen. Zu diesem Fazit kamen Fachleute an der Veranstaltung «Wie bleibt die Wissenschaft der Schweiz top?», die am 23. Mai 2025 von der SCNAT in Bern durchgeführt wurde.

Wie bleibt die Wissenschaft der Schweiz top?
Wie bleibt die Wissenschaft der Schweiz top?
Wie bleibt die Wissenschaft der Schweiz top?Image: Andres Jordi
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Mit philosophischen Betrachtungen, Statistiken zur Leistungsfähigkeit und einer Analyse der Hochschullandschaft zeigten die beiden Referenten und die Referentin auf, dass die Schweizer Wissenschaft im europäischen und internationalen Vergleich eine Spitzenposition einnimmt. Die aktuellen geopolitischen Rahmenbedingungen scheinen die Stabilität jedoch zu gefährden. Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft gaben in einem Podiumsgespräch interessante Denkanstösse, was die Schweiz dagegen tun kann. Rund hundert Personen nahmen an der Veranstaltung teil.

Spitzenforschung, Mobilität und Wissenstransfer

Franz Barjak, Dozent für Innovationsforschung an der Fachhochschule Nordwestschweiz, nennt zwei Faktoren, welche den hervorragenden Zustand der Schweizer Forschung aufzeigen. Zum einen hat die Schweiz verglichen mit ihren grossen europäischen Nachbarn einen überdurchschnittlichen wissenschaftlichen Output. So produziert sie rund 2,5 Publikationen pro Forscherin und Forscher bzw. fast 7 Publikationen pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner (siehe Präsentation).

Zum anderen ist die Schweizer Forschung bezogen auf Zusammenarbeit und Mobilität stark international ausgerichtet. Rund 60 Prozent der Doktorierenden stammen beispielsweise aus dem Ausland. Barjak streicht zudem den hervorragenden Wissenstransfer zwischen Forschung und Industrie hervor. Das zeigt sich unter anderem darin, wie viel grosse Unternehmen wie Novartis, Roche und Nestlé in die Hochschulen investieren. Hier liege die Schweiz fast gleichauf mit Deutschland. Bei der Zusammenarbeit mit den KMU bestehe hingegen noch Potenzial, sagt er.

Franz Barjak belegt mit Zahlen, dass die Schweizer Wissenschaft massiv in die Forschung, die Ausbildung von Postdoktorierenden und den Wissenstransfer zu den Grossunternehmen investiere. Er weist jedoch darauf hin, dass die Investitionen entgegen dem Trend in anderen Ländern hierzulande relativ gesehen rückläufig sind.

Populismus schadet der Wissenschaft

In seinem Referat «Wissenschaft in einer Demokratie in Zeiten des Populismus» betont Claus Beisbart, Professor am Institut für Philosophie der Universität Bern, dass populistische Regierungen und Parteien eine grosse Herausforderung für die Wissenschaft darstellen. Spitzenforschung sei stark vom politischen Kontext abhängig. Eine anti-elitäre, anti-pluralistische Rhetorik, die sich auf die Bedürfnisse des vermeintlich «wahren» Volkes stütze, führe zu einer Politisierung, die der Wissenschaft schade und zu einem Vertrauensverlust führen könne.

Laut einer Analyse aus dem Jahr 2022 treffen diese Befürchtungen für die Schweiz jedoch nicht unbedingt zu, wie Carole Probst, Beraterin für Hochschulbildung bei Econcept AG, feststellt. Auf die Frage «Wie stark interessieren Sie sich für Wissenschaft und Forschung?» gaben mehr als die Hälfte der befragten Personen an, dass sie ein grosses oder sehr grosses Interesse an diesen Themen haben. Während der Covid-19-Pandemie im Jahr 2020 lag diese Zahl sogar bei fast 60 Prozent.

Interesse und Vertrauen korrelierten jedoch nur teilweise: Impfskeptikerinnen und -skeptiker beispielsweise hätten oft grosses Interesse an Wissenschaft, schenkten ihr aber wenig Vertrauen, gibt Probst zu bedenken.

Inspiriert von der Philosophie schlägt Claus Beisbart vor, das Vertrauen in die Wissenschaft zu stärken, indem man wissenschaftliche und gesellschaftliche Werte aufeinander bezieht: Wie kann Wissen für die Gesellschaft relevant gemacht werden? Werden die verschiedenen Perspektiven wie Diversität, Gerechtigkeit, Relevanz und Nutzbarkeit ausreichend berücksichtigt? Schliesslich beeinflussen und prägen diese Werte mehr oder weniger indirekt die Forschung.

Sich stark machen und besser vermarkten

Für Carole Probst liegt das eigentliche Problem jedoch weniger im Vertrauen, sondern im verlorenen Einfluss. Sie verweist darauf, dass eine transparente Wissenschaft auch davon abhängt, dass die Ergebnisse der Forschung von der breiten Öffentlichkeit verstanden werden. Um Forschung zugänglich zu machen, müsse sie gut vermittelt werden. So liessen sich Desinformation bekämpfen, neue Finanzmittel erschliessen und Partnerschaften gewinnen.

Yves Flückiger, Präsident der Akademien der Wissenschaften Schweiz, teilt diese Ansicht. Seiner Meinung nach fehlt es in der Schweiz an Mut, sich für die Wissenschaft stark zu machen und sie an Mann und Frau zu bringen. «Wir haben solidere Ergebnisse als die USA, aber sie sind viel besser darin, diese zu vermarkten», sagt er. Dies sei eine wichtige Aufgabe für die Kommunikation auch gegenüber Studierenden.

Flückiger äusserte sich im Rahmen der Podiumsdiskussion im zweiten Teil der Veranstaltung, an der auch Yves Auberson, Executive Director bei Novartis Biomedical Research Global Discovery Chemistry und Vizepräsident der Schweizerischen Chemischen Gesellschaft, und Mathilde Crevoisier Crelier, Ständerätin und Präsidentin der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur, teilnahmen.

Ist die Schweizer Wissenschaft wirklich top?

Flückigers Ansicht nach zeichnet sich die Schweiz in vielerlei Hinsicht aus: hervorragende Forschungsbedingungen, modernste Einrichtungen und Universitäten, die zu den 100 besten der Welt gehören. In den USA gebe es zwar Spitzenuniversitäten, aber in der Schweiz könnten alle, die wollen, an den besten Hochschulen studieren, betont er.

Für Yves Auberson präsentiert sich die Situation je nach Disziplin unterschiedlich. Die Schweiz sei beispielsweise in den Biowissenschaften führend, hinke aber bei den Künsten eher hinterher. Eine hohe Qualität in allen Forschungsbereichen und die Förderung der Interdisziplinarität seien unerlässlich, ist er überzeugt.

Mathilde Crevoisier Crelier streicht heraus, dass in der Schweiz Lehre und Forschung gut ineinandergreifen und sich Spitzenleistungen der Hochschulen und innovativem Unternehmertum gegenseitig befruchten. Objektiv gesehen sei die Schweiz also praktisch an der Spitze, sagt sie. Trotz Schweizer Bescheidenheit werden diese Leistungen in der internationalen Gemeinschaft anerkannt. Bleiben die finanziellen Herausforderungen, die angesichts des vom Bundesrat angekündigten Sparprogramms aktueller denn je sind.

Internationale Zusammenarbeit ist entscheidend

Mit Blick auf politische Lager, die zu Abschottung und Isolation neigen, erinnert Yves Flückiger daran, dass Internationalität für die Schweizer Forschung lebenswichtig ist. Insbesondere die Europäische Union sei der «natürliche Nährboden» für eine Zusammenarbeit.

Der Ausschluss der Schweiz von den europäischen Forschungsprogrammen «Horizon» habe allerdings den internationalen Anschluss beeinträchtigt und vor allem das Vertrauen in die Partner stark strapaziert, sagt Mathilde Crevoisier Crelier. Über Jahre aufgebautes Vertrauen könne so in kürzester Zeit verloren gehen. Gleichwohl befinde man sich derzeit in einer positiven Dynamik, da die Schweiz nun zumindest vorübergehend wieder an den Programmen teilnehmen könne.

Aus der Sicht der Industrie sei Spitzenleistung völlig unabhängig von der Nationalität, sagt Yves Auberson. Novartis gebe der Schweiz und Europa zwar den Vorzug, aber das hindere das Unternehmen nicht daran, auch in der übrigen Welt nach Exzellenz zu suchen. Neben diesem Qualitätsstreben sei für die Pharmaindustrie vor allem die Wirkung zentral.

Angewandte Forschung ist zugänglicher

Forschung ist auch nicht gleich Forschung. Die Politik fokussiere oft auf die angewandte Forschung mit öffentlich-privaten Partnerschaften, erklärt Yves Flückiger. Sie sei oft zugänglicher und lasse sich besser verkaufen als die Grundlagenforschung. Man dürfe jedoch nicht vergessen, dass die Grundlagenforschung langfristig wirke und völlig neue Felder eröffnen könne. Dies verständlich in die Öffentlichkeit zu tragen, sei eine der Herausforderungen für die Wissenschaftskommunikation.

Mehr Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit

Wie kann Wissen der Gesellschaft wirkungsvoll vermittelt werden? Damit Vertrauen geschaffen werden kann, muss die Bevölkerung verstehen, was die Wissenschaft tut. Bürgerinnen und Bürger könnten an der Erzielung wissenschaftlicher Ergebnisse mitarbeiten; umgekehrt würde die Wissenschaft von Diskussionen und Kontroversen profitieren.

Wissenschaft und Politik sind eng miteinander verbunden. Während die Politik auf wissenschaftliche Expertise angewiesen ist, hängt die Wissenschaft von guten Rahmenbedingungen und finanziellen Mitteln ab, die von der Politik bestimmt werden. Eine strategische Allianz mit der Politik könnte das beste Bollwerk gegen Populismus darstellen und die Spitzenforschung langfristig sichern.

  • Franz Barjak
  • Claus Beisbart
  • Carole Probst
  • Podium mit Yves P. Auberson, Patricia Michaud (Moderation), Yves Flückiger, Mathilde Crevoisier Crelier
  • Yves Flückiger
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  • Yves P. Auberson
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  • Podium mit Yves P. Auberson, Patricia Michaud (Moderation), Yves Flückiger, Mathilde Crevoisier Crelier
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Franz BarjakImage: Andres Jordi1/7

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