Der Schweiz fehlen bald die Radiochemie-Fachleute

Für aktuelle und zukünftige Herausforderungen wie den Rückbau von Kernkraftwerken benötigt die Schweiz Fachwissen zur Erforschung und Anwendung radioaktiver Stoffe. Mittelfristig zeichnet sich jedoch ein Mangel an Expertinnen und Experten ab. Gemeinsam mit verschiedenen Organisationen aus der Wissenschaft hat die Akademie der Naturwissenschaften Schweiz das Weissbuch Radiochemie Schweiz erarbeitet. Dieses zeigt Massnahmen zur Sicherung und Weiterentwicklung des erforderlichen Fachwissens auf. Mit der Schaffung einer neuen Professur haben die ETH Zürich und das Paul-Scherrer-Institut bereits einen wichtigen ersten Schritt gemacht.

Radioaktive Stoffe
Bild: Roger Schibli

Die Radiochemie – sie befasst sich mit der Analyse und Anwendung radioaktiver Elemente – ist ein Wissenschaftszweig mit Zukunft: Die Medizin setzt radioaktive Stoffe ein, um mithilfe von Tomografie Krankheiten zu diagnostizieren. Sie bestrahlt Tumore und behandelt diese mit radioaktiven Medikamenten. In der Klimaforschung spielen radioaktive Isotope eine wichtige Rolle. Bei der Kontrolle der radioaktiven Belastung in der Umwelt, welche die Strahlenschutzverordnung zum Schutz der Bevölkerung vorsieht, ist der Bund auf entsprechende Fachleute angewiesen.

Studiengänge vor dem Aus

Die Schweiz verfügt in der Radiochemie über grosses Fachwissen und international anerkannte Kompetenzen. Doch nun drohen ihr mittelfristig die Expertinnen und Experten auszugehen. Viele Berufsleute werden bald pensioniert. Wegen der Emeritierung von Professorinnen und Professoren stehen Studiengänge vor dem Aus. In den Nachbarländern zeichnet sich eine ähnliche Situation ab, so dass es in Zukunft auch schwierig werden könnte, auf ausländische Fachkräfte zurückzugreifen. Zudem sind insbesondere sicherheitstechnisch sensible Betriebe wie zum Beispiel das Labor Spiez auch auf inländische Fachkräfte angewiesen.

Mit Spitzenforschung zu neuen Fachleuten

Das «Weissbuch Radiochemie Schweiz» zeigt auf, welche Konsequenzen die zunehmend fehlende Radiochemie-Expertise für die Schweiz hat und was gegen den Mangel an Fachleuten getan werden müsste. Die Plattform Chemie der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz hat die Publikation herausgegeben.

Eine zentrale Rolle soll dem Bericht zufolge dem Paul-Scherrer-Institut (PSI) zukommen. Das PSI ist das einzige Institut der Schweiz, das mehrere Teilchenbeschleuniger betreibt, mit denen radioaktive Nuklide hergestellt werden können. Der Vorschlag der Autorinnen und Autoren, mindestens eine breit ausgerichtete Professur zu schaffen, die vom PSI und einer Schweizer Hochschule gemeinsam getragen wird, ist bereits aufgenommen worden. Die ETH Zürich und das PSI haben letzte Woche beschlossen, gemeinsam eine neue Radiochemie-Professur zu schaffen. Gegebenenfalls sind weitere nationale Institutionen einzubinden, um die Radiochemieausbildung zwischen Hochschulen und Fachinstituten besser zu koordinieren.

Eine solche Radiochemieschule soll sich in der Spitzenforschung profilieren. Denn diese bildet die Basis für eine Ausbildung, die technologisch den heutigen und zukünftigen Bedürfnissen genügt. Auch wäre ein übergeordnetes nationales oder internationales Ausbildungscurriculum wünschenswert. Angesichts der zahlreichen anwendungsorientierten Themen gilt es zudem, die Option einer Professur auf Fachhochschulstufe zu prüfen.

Steigender Bedarf wegen KKW-Rückbauten

Mit dem Ausstieg aus der Kernenergie, wie ihn der Bund beschlossen hat, und dem damit verbundenen Rückbau von Kernkraftwerken dürfte der Bedarf an Radiochemikerinnen und Radiochemiker künftig noch erheblich zunehmen. Es ist daher unerlässlich, dass die Schweiz auch in Zukunft starke Kompetenzen in der Radiochemie sowohl in der Lehre als auch in der Forschung besitzt und zielorientiert weiterentwickelt. Mit der Schaffung der neuen Professur ist ein wichtiger erster Schritt bereits getan, weitere müssen folgen.

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