«Das Gymnasium darf sich nicht verzetteln!»

Carte blanche für Klemens Koch, Verein Schweizerischer Naturwissenschaftslehrerinnen und -lehrer

28.10.2021 – Im Gymnasium soll es zukünftig mehr Grundlagenfächer geben – so die Vorschläge einer internen Arbeitsgruppe. Doch alle Interessen befriedigen zu wollen, führt in die Irre. Um bessere Lösungen zu finden, sollten deshalb die Reformpläne auch öffentlich diskutiert werden.

Klemens Koch
Bild: PH Bern

Der Beitrag gibt die persönliche Meinung des Autors wieder und muss nicht mit der Haltung der SCNAT übereinstimmen.

Nach der obligatorischen Schulzeit können Jugendliche heute zwischen vielen verschiedenen Bildungswegen auswählen. Eine attraktive Option ist die gymnasiale Maturität. Mit ihr haben Schülerinnen und Schüler gute Aussichten, in Zukunft interessante und anspruchsvolle Aufgaben zu übernehmen.

Währendem äusserlich der Rahmenlehrplan für das Gymnasium schon 25 Jahre ohne grosse Änderung geblieben ist, haben sich Inhalte und Methoden der Fächer mit neuen Generationen von Schülerinnen und Schülern und wissenschaftlich sowie didaktisch aus- und weitergebildeten Lehrpersonen weiterentwickelt.

Bildung öffentlich diskutieren

Nun soll auch der Rahmen zukunftsfähig werden: Die Reformvorschläge der internen Arbeitsgruppe liegen seit diesem April vor, jedoch leider nur für eine interne Vernehmlassung. Bildung sollte aber öffentlich diskutiert werden, sie beeinflusst, wie zukünftige Generationen mit gesellschaftlichen Herausforderungen umgehen. Einzig Economiesuisse hat sich medienwirksam zu den Reformplänen geäussert und stösst mit berechtigten Anliegen und der Forderung nach genügenden Maturanoten in Mathematik und Deutsch eine aufgeregte Diskussion an, verlassen doch zu viele das Gymnasium mit ungenügenden Mathematikleistungen. Doch Abschlussnoten kommen spät, wichtiger ist, was vorher in den vier Jahren Gymnasium passiert.

276 Fächerkombinationen schafft kein Gymnasium

Ein Vorschlag der Arbeitsgruppe sieht vor, neu 17 statt der bisher 10 Grundlagenfächer anzubieten. Neu dazu kämen die Fächer Religion sowie Philosophie. Fünf bis jetzt nur in den Jahreszeugnissen oder gar nicht benotete Fächer wie etwa Sport und das zweite Kunstfach sollen ebenfalls Grundfächer werden. Unbeantwortet bleibt jedoch, wieso es diese zusätzlichen Fächer braucht und woher die Unterrichtszeit dafür herkommen soll. Bereits 10 Fächer sind nach Ansicht von Expertinnen und Experten und im internationalen Vergleich sehr hoch.

Darüber hinaus schlägt die Arbeitsgruppe bis zu 276 verschiedene Schwerpunktfächer-Kombinationen und weitere Wahlfächer vor. Es wäre sicher keinem Gymnasium möglich, alle Kombinationen anzubieten. Die Folge: Die Gymnasien würden sich auf eine Auswahl beschränken – aber jedes auf eine andere. Dadurch würden Bildungswege und Abschlüsse weniger vergleichbar, Schulwechsel schwieriger und der allgemeine Hochschulzugang in Frage gestellt. Alle Interessen befriedigen zu wollen führt in die Irre.

Gymnasium muss auch für junge Männer attraktiv bleiben

Welche Grundlagen soll also das Gymnasium anbieten? Antworten auf diese Frage können nur in der öffentlichen Diskussion gefunden werden, einige wurden in den letzten Jahren angestossen: So wurde breit diskutiert, dass es einen Mangel an mathematisch-naturwissenschaftlich ausgebildeten Fachkräften gibt und dass sich dieser weiter verschärfen wird. Damit ist klar, dass die MINT-Förderung, vor allem auch für junge Frauen, weitergehen muss. Auch das neue Grundlagenfach Informatik ist unbestritten. Aber alle anderen neu vorgeschlagenen Angebote gehen in eine andere Richtung – weg von der MINT-Förderung, mehr hin zu anderen Themen. Gerade jungen Männern erschwert die neu vorgesehene Gewichtung den Zugang zum Gymnasium – sind sie doch beim Aufnahmezeitpunkt zum Beispiel weniger sprach- und mehr MINT-affin. Das Gymnasium darf nicht einseitig werden und muss auch für junge Männer weiter attraktiv und zugänglich bleiben.

Interdisziplinarität in bestehende Fächer integrieren

Jugendliche interessieren sich für Politik, Wissenschaft, Nachhaltigkeit und interdisziplinäre Lösungen. Dafür braucht es aber keine neu geschaffenen Gefässe ohne spezifische Fachinhalte. Vielmehr müssen diese Aspekte durch die bestehenden Fächer mit ihrer wissenschaftlichen Methodik abgedeckt werden: So kann zum Beispiel in einem Fach wie etwa Chemie aufgezeigt werden, wie konkrete und so meistens komplexe Probleme interdisziplinär angegangen werden können. Mit guten fachlichen Grundlagen haben Jugendliche es in der Hand, die Zukunft zu gestalten.

Klemens Koch ist Präsident des Vereins Schweizerischer Naturwissenschaftslehrerinnen und -lehrer und Mitglied der Nachwuchskommission der SCNAT. An der Pädagogischen Hochschule ist er Bereichsleiter Fachdidaktiken am Institut für die Sekundarstufe 2.

Autor: Prof. Dr. Klemens Koch

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