Astrid Tomczak-Plewka
«Ich habe nie Fisch gegessen. Ich habe sie als meine Freunde betrachtet.» Während sie das erzählt, sitzt Ewa Merz an einem Tisch an einem der renommiertesten Institute für Meeresforschung, der Scripps Institution of Oceanography in San Diego, Kalifornien. Es ist die Erfüllung eines Kindheitstraums: Das Meer, von dem sie als Mädchen so fasziniert war, nur einen Katzensprung entfernt. Einmal wöchentlich taucht sie ab, im wörtlichen Sinne – nämlich um Instrumente zu warten, die sich an der Unterseite des Scripps Pier befinden. Für Ihre Dissertation an der Eawag forschte sie noch in Seen, dafür gleich in zehn verschiedenen. Sie untersuchte, wie sich Temperaturveränderungen und Nährstoffschwankungen auf Plankton-Gemeinschaften auswirken.
Höhere Temperaturen schaden dem Plankton
Plankton, mikroskopisch kleine Tiere und Pflanzen in Gewässern, ist nicht nur wichtig als Nahrungsgrundlage grösserer Organismen, sondern auch für biochemische Prozesse wie die Fotosynthese. Wird das Plankton geschwächt, hat das weitreichende Auswirkungen. Wie der Mensch diese Miniorganismen direkt beeinflusst, ist schon weit erforscht. «Aber wir wissen noch nicht soviel darüber, wie die Planktonarten untereinander agieren», erklärt die Umweltnaturwissenschaftlerin. Genau darauf hat Merz in ihrer Dissertation fokussiert. «Je mehr Interaktionen es zwischen den verschiedenen Planktonarten gibt, umso stabiler sind diese Mikroorganismen», sagt sie.
Sie hat Datensätze aus den letzten Jahrzehnten zu Nährstoffen und Temperatur untersucht und in Beziehung zum Plankton gesetzt. Frappant ist die Erwärmung in den Seen: So ist die Wassertemperatur von 2010 bis 2022 um 0.4 bis 1.7 Grad im Vergleich zu den Vorjahren gestiegen. Mit Folgen: Bei höheren Temperaturen nehmen die Interaktionen zwischen den Arten ab und sie werden geschwächt. Das hat Auswirkungen auf die Planktonfresser: Sie werden stärker von den verfügbaren Nahrungsquellen abhängig. Kleine Planktonfresser und Cyanobakterien erwiesen sich dabei als besonders empfindliche Anzeiger dieser Veränderungen. «Für mich war es ein Augenöffner, dass die Arten miteinander agieren», sagt Ewa Merz. «Und es zeigt deutlich, dass alle Veränderungen in der Umwelt unser gesamtes Ökosystem beeinflussen.»
Für ihre Arbeit wird Ewa Merz jetzt mit dem Prix Schläfli für Biologie ausgezeichnet. «Ich musste erstmal durchatmen, als ich es erfahren habe», sagt sie. «Der Preis zeigt mir, dass meine Neugierde und meine Fragen in eine gute Richtung gehen.»
«Natur bietet so viele Überraschungen»
Aufgewachsen ist Ewa Merz als Älteste von vier Geschwistern in Fribourg. Ihre Mutter hat als Juristin lange im Aussendepartement EDA gearbeitet, dann im Bundesamt für Umwelt und ist nun bei der IUCN (International Union for Conservation of Nature) tätig, die unter anderem Staaten zum Umgang mit Plastik berät. «Wahrscheinlich hat sie mich ein bisschen inspiriert, Umweltnaturwissenschaften zu studieren», sagt Ewa Merz. Ihr Vater war Sekundarlehrer und hat viel Zeit mit den Kindern verbracht. «Das war mega schön», sagt Ewa Merz. Ihre Kindheit war also eher von Pflanzen und Kühen geprägt als von Meeresbewohnern. Aber: «Ich habe immer das Meer und Fische gezeichnet.»
Zum ersten Mal hat sie sich dem Meer im Rahmen eines Praktikums im Masterstudium genähert, als sie in Brasilien invasive Korallen untersuchte. Und auch in Kalifornien war sie schon für ihre Masterarbeit, allerdings beschäftigte sie sich da mit Pflanzen und Ameisen. Dass sie schliesslich beim Plankton gelandet ist, mag Zufall sein: Als Kind sah sie sich als Archäologin oder Tierärztin. Aber das Wasser liess sie dann doch nicht los. «Und beim Doktorat hat mich die Faszination fürs Plankton richtig gepackt», sagt sie. «Die Natur hat so viele Überraschungen zu bieten.»
Ihr Postdoc am Scripps läuft bis Februar 2026. Was danach kommt? Völlig offen, zumal angesichts des politischen Umfelds in den USA. «Ich arbeite mega gerne mit Datensätzen», sagt sie. Sie könne stundenlang darüber nachdenken, wie sie ein Problem lösen und die Lösung am besten und einfachsten darstellen könne. «Mein Traumjob wäre natürlich in der Schweiz, es gibt dort super Universitäten und auch Forschungsgelder. Ich könnte mir gut vorstellen bei einer NGO zu arbeiten oder beim Bund.» Und auch Skifahren lässt sich in ihrer Heimat besser als im ewigen südkalifornischen Sommer. Vorerst lebt die 33-Jährige aber noch ihren Kindheitstraum: Die Zeichnungen sind zum Leben erwacht. Mittendrin Ewa Merz, vielleicht gerade bei einem Tauchgang – oder auf dem Surfbrett.