Die SCNAT und ihr Netzwerk setzen sich für eine nachhaltige Gesellschaft und Wissenschaft ein. Sie unterstützen Politik, Verwaltung und Wirtschaft mit Fachwissen und pflegen den Dialog mit der Öffentlichkeit. Sie stärken den Austausch über die wissenschaftlichen Disziplinen hinweg und fördern den akademischen Nachwuchs.

Bild: Sebastian, stock.adobe.com

Wie der Klimawandel Konflikte und Kooperation beeinflusst

Nachgefragt bei...Vally Koubi

Weltweit nehmen bewaffnete Konflikte zu. Welche Rolle spielt dabei der Klimawandel? Wie beeinflussen Kriege und Gewalt den Klimawandel und die Anpassungsfähigkeit von Gemeinschaften? Wir sprachen mit Vally Koubi, Professorin an der Universität Bern und der ETH Zürich. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf den sozialen Folgen des Klimawandels.

Vally Koubi is a Lecturer and Professor (Honorary) at the Institute of Economics at the University of Bern, Switzerland, and a Professor (Titular) and Senior Scientist at the Center for Comparative and International Studies (CIS) at the Swiss Federal Institute of Technology Zurich (ETH).
Vally Koubi is a Lecturer and Professor (Honorary) at the Institute of Economics at the University of Bern, Switzerland, and a Professor (Titular) and Senior Scientist at the Center for Comparative and International Studies (CIS) at the Swiss Federal Institute of Technology Zurich (ETH).
Vally Koubi is a Lecturer and Professor (Honorary) at the Institute of Economics at the University of Bern, Switzerland, and a Professor (Titular) and Senior Scientist at the Center for Comparative and International Studies (CIS) at the Swiss Federal Institute of Technology Zurich (ETH).

Sol Kislig (ProClim): Weltweit ist eine Zunahme bewaffneter Konflikte zu beobachten. Wie beeinflussen Klima- und Wetterextreme das Konfliktrisiko?

Vally Koubi: Der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Konflikten ist nach wie vor eine der am meisten diskutierten Fragen in der Forschungsliteratur zu Klima und Sicherheit – zum einen, weil die Rolle des Klimawandels oftmals überbewertet wird, zum anderen, weil seine Auswirkungen stark kontextabhängig sind. Der breite wissenschaftliche Konsens lautet heute, dass der Klimawandel nicht als direkte oder deterministische Ursache für Kriege verstanden werden sollte. Vielmehr wirkt der Klimawandel als «Risikomultiplikator», der bestehende soziale, wirtschaftliche und politische Spannungen verschärft, die zu Instabilität oder Gewalt beitragen können.

Zum Beispiel?

Dürren, Überschwemmungen, Hitzewellen und Stürme können die landwirtschaftliche Produktion verringern, Lebensgrundlagen untergraben, die Ernährungsunsicherheit erhöhen, die Infrastruktur beschädigen und die lokale Wirtschaft schwächen. In Regionen, wo grosse Teile der Bevölkerung von Regenfeldbau oder natürlichen Ressourcen abhängig sind, können diese Auswirkungen zu sozialer und politischer Instabilität führen. Wirtschaftliche Not kann Missstände verschärfen, das Vertrauen in staatliche Institutionen schwächen und den Beitritt zu bewaffneten Gruppen oder die Beteiligung an Gewalt attraktiver erscheinen lassen. Zudem können klimabedingte Vertreibung und Migration soziale Spannungen hervorrufen.

«Der Klimawandel wirkt als ‹Risikomultiplikator›, der bestehende soziale, wirtschaftliche und politische Belastungen verschärft.»

Gleichzeitig führt klimatische Belastung nicht überall zu Gewalt. Ähnliche extreme Wetterereignisse können je nach politischer Institution, bestehender Ungleichheit oder früherer Gewaltvorgeschichte eines Ortes oder einer Region sehr unterschiedliche Folgen haben.

Daher ist Vorsicht geboten, wenn beurteilt wird, ob der Klimawandel weltweit zu mehr Kriegen führt. Viele Gesellschaften passen sich ohne grössere Gewalt an, doch in fragilen Kontexten können klimatische Schocks mit bereits bestehenden Spannungen zusammenwirken und das Risiko einer gewaltsamen Eskalation erhöhen. Die robustesten Erkenntnisse aus der Forschung deuten darauf hin, dass der Klimawandel zu lokaler Gewalt, kommunalen Konflikten und weiterer Instabilität in bereits fragilen Gebieten führen kann. Es gibt jedoch weniger klare Hinweise darauf, dass er zu einem direkten Anstieg zwischenstaatlicher oder innerstaatlicher Kriege auf globaler Ebene führt.

Wird sich dieser Zusammenhang zwischen Klimawandel und Konflikten in Zukunft verändern, wenn sich der Klimawandel und seine Folgen verschärfen?

Viele Forschende gehen davon aus, dass klimabedingte Risiken mit zunehmender globaler Erwärmung zunehmen werden. Durch den künftigen Klimawandel werden Hitzeextreme, Dürren, Überschwemmungen höchstwahrscheinlich häufiger und schwerer. Dies erhöht den Vertreibungsdruck und könnte die Verwundbarkeit von bereits unter Druck stehenden Gesellschaften verschärfen.

Wie anfällig sind von Konflikten betroffene Regionen gegenüber dem Klimawandel?

Es besteht eine sehr starke Überschneidung zwischen Regionen, die von betroffenen sind, und Regionen, die gegenüber dem Klimawandel und seinen Folgen besonders anfällig sind. Diese Überschneidung ist kein Zufall: Bewaffnete Konflikte schädigen Infrastruktur, Dienstleistungen und Institutionen. Für diese Gesellschaften ist es schwieriger, mit klimatischer Belastung umzugehen. Infolgedessen gehören konfliktbetroffene Bevölkerungsgruppen oft zu denjenigen, die am wenigsten in der Lage sind, sich an extreme Klimaereignisse anzupassen. In der Literatur zu Klima und Sicherheit wird diese Dynamik oft als «Teufelskreis» beschrieben: Klimafolgen können unter bestimmten Bedingungen zur Instabilität einer Region beitragen, während Konflikte wiederum ihre künftige Verwundbarkeit gegenüber Klimarisiken erhöhen.

«Von Konflikten betroffene Bevölkerungsgruppen gehören oft zu denjenigen, die sich am wenigsten an extreme Klimaereignisse anpassen können.»

Dieses Muster lässt sich in mehreren Regionen beobachten, darunter im Sahel, in Teilen des Horns von Afrika, in Afghanistan, im Jemen und in Syrien. So können beispielsweise anhaltende Dürren die Ernährungsunsicherheit oder den Vertreibungsdruck verschärfen. Ob dieser Vertreibungsdruck zu Konflikten führt, hängt stark von den politischen und institutionellen Rahmenbedingungen ab. Aus diesem Grund warnen viele Forschende davor, solche Fälle als «Klimakriege» zu bezeichnen.

Gleichzeitig ist es wichtig, vulnerable Gesellschaften nicht als passive Opfer des Klimawandels darzustellen. Viele Gemeinschaften, die sowohl Umweltbelastungen als auch sozialer Unsicherheit ausgesetzt sind, entwickeln ausgefeilte lokale Bewältigungsstrategien und Formen von Resilienz.

Kann der fortschreitende Klimawandel umgekehrt auch zur Konfliktlösung und zum Frieden beitragen?

Dies ist aus mehreren Gründen eine schwierige Frage. Zum einen, weil die Forschung zu Klima und Kooperation noch weniger ausgereift ist als die Literatur zu Klima und Konflikten. Zum anderen, weil in öffentlichen Debatten oft die Risiken von «Klimakriegen» im Vordergrund stehen, während der Möglichkeit, dass Umweltbelastungen auch Zusammenarbeit, Solidarität oder kollektives Handeln fördern können, weniger Beachtung geschenkt wird. Klimabedingte Gefahren können unter bestimmten Umständen durchaus auch Anreize zur Zusammenarbeit schaffen. Studien deuten darauf hin, dass Naturkatastrophen Spannungen zwischen Gruppen vorübergehend abbauen oder die Möglichkeit für Dialog und Zusammenarbeit eröffnen können. Erfahrungen mit Überschwemmungen oder Dürren können Gemeinschaften dazu ermutigen, ihre Reaktionen darauf zu koordinieren, Ressourcen zu bündeln und sich gegenseitig stärker zu unterstützen. Dies kann durch lokale Katastrophenhilfe, Ressourcenmanagement, Anpassungsmassnahmen oder andere Formen kollektiven Handelns geschehen.

«Studien deuten darauf hin, dass Naturkatastrophen Spannungen zwischen Gruppen vorübergehend abbauen oder Möglichkeiten für Dialog und Zusammenarbeit eröffnen können.»

In meiner aktuellen Forschung in Bangladesch untersuchen wir, wie Gemeinschaften, die schweren Überschwemmungen und Ufererosion ausgesetzt sind, sozial auf Umweltbelastungen reagieren. Wir stellen fest, dass schwerwiegende Auswirkungen von Naturgefahren eher mit verstärkter Zusammenarbeit als mit Konfliktverhalten verbunden sind. Betroffene Haushalte sind eher bereit, anderen finanzielle Hilfe, eine Unterkunft und Unterstützung zu bieten – und zwar nicht nur innerhalb der eigenen Gemeinschaft, sondern in manchen Fällen auch Menschen von ausserhalb.

Gleichzeitig zeichnen die Befunde jedoch kein uneingeschränkt optimistisches Bild. Umweltbelastungen können auch Unsicherheit hervorrufen, insbesondere unter Bedingungen geringen Vertrauens oder sozialer Ausgrenzung. In unserer Forschung nimmt die Befürwortung von Gewalt vor allem bei Personen zu, die grundsätzlich misstrauischer eingestellt sind oder sich sozial ausgegrenzt fühlen. Dies deutet darauf hin, dass klimabedingter Stress Gesellschaften nicht einheitlich in Richtung Konflikt oder Kooperation treibt. Kooperative Ergebnisse erfordern Institutionen und soziale Beziehungen, die kollektive Reaktionen ermöglichen. Vertrauen, Inklusion und das Empfinden von Fairness sind in dieser Hinsicht besonders wichtig.

Können Klimaschutzmassnahmen auch Konflikte beeinflussen?

Klimaschutzmassnahmen können ebenfalls politisch umstritten sein, wenn sie als ungerecht empfunden werden. Die Transition hin zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft erfordert tiefgreifende Veränderungen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft und Wirtschaft. Diese Veränderungen bringen unweigerlich Gewinner:innen und Verlierer:innen hervor. Bei Massnahmen zur Emissionsminderung und Anpassung muss berücksichtigt werden, wer davon profitiert, wer die Kosten trägt, wer verdrängt wird und wer mitreden und entscheiden darf.

«Inklusive Institutionen, Ausgleichsmechanismen, lokale Partizipation und die Berücksichtigung von Ungleichheit (…) sind entscheidend dafür, ob Klimaschutzmassnahmen die soziale Resilienz stärken oder neue Konfliktlinien schaffen.»

Wie können durch den Klimawandel ausgelöste oder verschärfte Konflikte friedlich gelöst werden?

Um klimabedingte Konflikte zu verhindern, müssen Gesellschaften die Ursachen bekämpfen, welche ihre Gemeinschaft verwundbar machen. Inklusive Institutionen, Ausgleichsmechanismen, lokale Partizipation und die Berücksichtigung von Ungleichheit sind nicht nur ethische Zusatzkomponenten; sie sind entscheidend dafür, ob Klimaschutzmassnahmen die soziale Resilienz stärken oder neue Konfliktlinien schaffen. Die Anpassung an den Klimawandel lässt sich nicht von Fragen der Gerechtigkeit, der Partizipation und der staatlichen Leistungsfähigkeit trennen.

Eine zweite Priorität besteht darin, den «Teufelskreis» zwischen Konflikten, Verwundbarkeit und Klimafolgen zu durchbrechen. Friedensförderung und Klimaanpassung sollten miteinander verknüpft werden: Der Wiederaufbau von Institutionen, die Wiederherstellung grundlegender Dienstleistungen, die Förderung der Nahrungsmittel- und Wasserversorgungssicherheit sowie die Stärkung lokaler Mechanismen zur Konfliktlösung sind ebenfalls Formen der Minderung von Klimarisiken.

Schliesslich muss die Klimapolitik selbst konfliktsensibel sein. Die Herausforderung besteht darin, Klimabelange nicht einfach in die Friedensförderung einzubeziehen. Klimaschutzmassnahmen sind so zu gestalten, dass sie Ungleichheit verringern, anstatt sie zu reproduzieren.

Wie wirken sich Kriege direkt auf die CO₂-Emissionen aus – und was bedeutet das für den Klimaschutz?

Kriege tragen durch militärische Emissionen und Umweltschäden zum Klimawandel bei. Militärische Operationen verbrauchen grosse Mengen an fossilen Brennstoffen. Kampfhandlungen können Ökosysteme, Infrastruktur und natürliche Ressourcen zerstören, oft mit langanhaltenden Folgen.

Auch der Wiederaufbau ist äusserst CO₂-intensiv, obwohl er Chancen für eine nachhaltigere Infrastruktur schaffen kann. Zwar können Kriege die Emissionen vorübergehend senken, indem sie wirtschaftliche Aktivitäten unterbrechen; diese Effekte sind jedoch meist kurzlebig und gehen mit enormen menschlichen und ökologischen Kosten einher.

Indirekt können Konflikte den Klimaschutz untergraben, indem sie (öffentliche) Ressourcen abziehen und den politischen Fokus verlagern, die weltweite Aufrüstung fördern, die internationale Zusammenarbeit schwächen und die Anfälligkeit gegenüber künftigen Klimarisiken erhöhen. Krisen können zwar mitunter Investitionen in erneuerbare Energien beschleunigen, zugleich aber auch die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verstärken.

Insgesamt stellen Konflikte nicht nur eine sicherheitspolitische Herausforderung dar, sondern auch eine Herausforderung für die Klimagouvernanz. Sie können die Umweltzerstörung verstärken, die Anpassungsfähigkeit schwächen und Ressourcen vom Klimaschutz abziehen, wodurch Gesellschaften anfälliger für künftige Klimarisiken werden.

Das Schutzgebiet für Zivilpersonen in Bentiu im Südsudan, in dem über 40'000 Vertriebene untergebracht sind, wurde eingerichtet, um Zivilisten Schutz vor bewaffneten Konflikten zu bieten. Es war während der Regenzeit von schweren Überschwemmungen betroffen, da es in einer Aue liegt.
Das Schutzgebiet für Zivilpersonen in Bentiu im Südsudan, in dem über 40'000 Vertriebene untergebracht sind, wurde eingerichtet, um Zivilisten Schutz vor bewaffneten Konflikten zu bieten. Es war während der Regenzeit von schweren Überschwemmungen betroffen, da es in einer Aue liegt.Bild: JC Mcllwaine / UNMISS
Das Schutzgebiet für Zivilpersonen in Bentiu im Südsudan, in dem über 40'000 Vertriebene untergebracht sind, wurde eingerichtet, um Zivilisten Schutz vor bewaffneten Konflikten zu bieten. Es war während der Regenzeit von schweren Überschwemmungen betroffen, da es in einer Aue liegt.
Das Schutzgebiet für Zivilpersonen in Bentiu im Südsudan, in dem über 40'000 Vertriebene untergebracht sind, wurde eingerichtet, um Zivilisten Schutz vor bewaffneten Konflikten zu bieten. Es war während der Regenzeit von schweren Überschwemmungen betroffen, da es in einer Aue liegt.Bild: JC Mcllwaine / UNMISS

Kategorien

  • Konflikte